Tanja Maria Ernst - Künstlerin

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"Paradies mit kleinen Fehlern - welcome to life"

Tanja M Ernst - bei Amrei Heyne Stuttgart

20. - 23. Oktober 2011

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Décollage des Romantischen

Angeregt durch den Mythos eines idyllischen Arkadiens und Formen des Eskapismus hat die Stuttgarter Künstlerin Tanja Maria Ernst 2011 eine Serie von Acrylgemälden, Collagen, Zeichnungen und Objekten geschaffen. Deren Titel "Paradies mit kleinen Fehlern" ist einem Reisebuch über "die Südsee zwischen Bali und Hawaii" der 1950er Jahre entlehnt, einer von eurozentrischer Sichtweise geprägten Zeit, die den Postkolonialismus noch nicht kannte.

Idylle erzeugt Skepsis; ihre ungebrochene Darstellung wirkt unglaubwürdig. So erwies sich im 19. Jahrhundert etwa das Fragment als geeignete Form, um die Unerfülltheit romantischer Sehnsucht nach Einheit von Mensch und Kosmos, nach ‚Heimkehr‘ zum Ausdruck zu bringen. Tanja Ernst, die ebenfalls das Prozesshafte und Offene bevorzugt, thematisiert das Bedürfnis nach Werten, Gemeinschaft und Nestwärme, deren Erfüllung in widersprüchlicher Weise entweder an Bedeutung verliert oder in neuer, horizonterweiternder und kulturübergreifender Gestalt wiederkehrt. Ihr Heimatbegriff umfasst persönliche Erinnerungen, Geschichte, die Eigenschaft, soziales Wesen zu sein und die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur. Das Dilemma zwischen der Sehnsucht nach Naturnähe und der Ausbeutung von Ressourcen sind Aspekte, die sich auf ihren Bildern sedimentartig absetzen. So verwandelt sich denn auch die Blaue Blume der Romantik, Symbol schwärmerischen Suchens, bei Tanja Ernst in ein kommerzielles Wellnessversprechen, das sich als Wohlstandsmüll aus blauem Plastik offenbart. (Abb.)

Den Blick in die Tiefe ziehend wie auf Tintorettos Abendmahl, konfrontiert Tanja Ernsts Acrylgemälde "Gethsemane" (Abb.) den Betrachter nicht mit Dramatik, sondern zunächst mit gespenstischer Stille. Höchstens die Vegetation, die Grün- und Blautöne und die Verlassenheit des Orts lassen Bezüge zu der auf das Abendmahl folgenden biblischen Geschichte vom Gebet am Ölberg zu. Dringt der Blick ins gemalte Dickicht unter der Bildoberfläche vor, sind dort mehrere in traumartiger, surrealer Weise ineinander verschlungene Szenen auszumachen. Auf dem rechten Bildteil nimmt man seitlich gedreht eine Wasserlandschaft mit einem kleinen Haus, im Vordergrund die Beine einer im Wasser watenden Gestalt wahr. Lichtreflexe überziehen die Bildoberfläche, und Spiegelungen zeichnen sich in den lasierend aufgetragenen Türkistönen ab, als sei die gesamte Szenerie sintflutartig überschwemmt worden. Von später angelegten Schichten nahezu verdeckt, sind auf der linken unteren Seite noch Spuren der aus den Medien bekannten Pose Karl-Theodor zu Guttenbergs bei seinem Afghanistanbesuch erkennbar – ein Heilsbringer, von seinen Jüngern verlassen. Die Vielschichtigkeit der Inhalte manifestiert sich in den einander durchdringenden transparenten Malschichten.

Das Horror Vacui der figürlichen Details wird dabei im Innersten von einer geometrisch-abstrakten Komposition zusammengehalten. Bei dem ‚Tisch‘ handelt es sich denn auch vielmehr um eine schwebende Fläche, den weißen Streifen vergleichbar, die das Gemälde oben und unten bedecken wie eine neue, beginnende Schicht. Als seien Phasen des Entstehungsprozesses freigelegt, folgen vertikale Bahnen in unterschiedlicher Breite rhythmisch aufeinander.

Der Untertitel der Serie – "Welcome to life" – greift den Namen eines anderen großformatigen Gemäldes auf. Es zeigt ein Delfinarium, für das eine historisierende Aufschrift „Welcome to Seafloor Aquarium … Marine Life“ wirbt. (Abb.) Zahlreiche graphische und malerische Schichten charakterisieren auch dieses Bild. Die befreiende Ästhetik der Plakatabrisse der Nouveaux Réalistes verbindet sich mit der Durchgliederung aus Horizontalen und Vertikalen. Eine Glasscheibe trennt den Betrachter vom Becken mit dessen realistisch und tiefenräumlich gemaltem grünen Wasser. Ein Delphin springt in luftige Höhe zu seinem Dompteur empor. Da die trennende Glasscheibe bis an die Bildränder reicht, beschleicht den Betrachter das irritierende Gefühl, selbst davor eingeschlossen zu sein, als befinde sich die Freiheit jenseits der Scheibe.

Wir erleben in Tanja Ernsts Arbeiten einen Reichtum an Zitaten aus der älteren und jüngeren Kunstgeschichte; sie übermalt, legt Verborgenes frei und erzeugt unerwartete Zusammenkünfte. Dabei geht es ihr um das Sichtbarmachen (geistes-) geschichtlicher Momente und Symbole, die auch unser heutiges Handeln prägen. Durch die Analyse aktueller Ereignisse und eigener Beobachtungen deutet sie diese um und komponiert kritische Einblicke in die gegenwärtige Gesellschaft.

Mit der losen Werkfolge "Paradies mit kleinen Fehlern" dringt die Künstlerin in neue inhaltliche Tiefen vor und bleibt dabei ihrem Konzept der Verknüpfung von Koloristischem, Zeichnerischem und Konstruktivem treu.

Marjatta Hölz