Beispiel einer Projektentwicklung - “Unschuld in Eden”
"Ich halte es mit John Irving. Ich kenne Indien nicht, ich war noch nicht einmal dort. Und dies ist keine Ausstellung über Indien. Es geht mir noch immer um Deutsche in Deutschland. Diese Ausstellung versucht zu zeigen, wie eine kleine Gruppe deutscher Fans, eine “kleine exzentrische Familie”, in indischen Filmen ihre Heimat gefunden hat. Und es geht um Indiens erfolgreichsten Kino-Exportschlager in Deutschland: Shahrukh Khan. Nach längerer Arbeit am Thema weiß ich immer noch nicht genau, wieso Deutsche und Inder derzeit das Thema Heimat so sehr gemein haben. Eines steht in jedem Fall fest. Um es mit Aishwarya Rai Bachchan zu sagen, die 2009 auf der Berlinale mit einer internationalen Filmcrew zu Gast war: wir steuern auf eine globale Welt zu. Und unsere Heimat finden wir unter Umständen auch irgendwo zwischen den Kulturen. Indien erscheint mir als ein Land mit starker eigener Identität, das derzeit allerdings seine geistige Elite als Wirtschaftsflüchtlinge ans Ausland verliert und die man mit Produktionen wie “Swades” wieder für die Probleme des eigenen Landes zu begeistern sucht. In Deutschland sehen die Dinge anders aus. Das Thema Heimat liegt hier seit zwei bis drei Jahren in den unterschiedlichsten künstlerischen Disziplinen in der Luft. Was meiner Meinung einen gesamt-gesellschaftlichen Trend wiedergibt. Jetzt produziert die Generation Kultur, die gemeinsam mit mir auf den Schulbänken saß und deutsche Geschichtsbewältigung stellvertretend für mehrere Generationen ableisten mußte. Das Ergebnis ist nicht nur eine flächendeckende Materialermüdung (im Bezug auf das Dritte Reich schauen wir inzwischen lieber zwanghaft weg anstatt hin), sondern auch eine beständige Frage nach der eigenen Identität. Die beständige Frage nach der Ursünde und der allgegenwärtigen Schuld. Das Ergebnis ist ein Hunger nach Unschuld - gut dargestellt übrigens in Florian Illies “Anleitung zum Unschuldigsein”. Einem Hunger nach unbeschwertem Leben. Nach Fröhlichkeit und unreflektierendem Leichtsinn. Die indischen Unterhaltungsfilme liefern uns diese Lebenslust zum Trockenschwimmen. Was wir selbst noch nicht zu leisten im Stande sind, können wir vielleicht durch Abschauen lernen? Indische Bollywood-Produktionen bieten uns eine kurzzeitige Fluchtmöglichkeit aus unserem deutschen Allltag, aus unseren deutschen Handlungsmustern. Bieten eine Projektonsfläche für unsere Träume, unsere Wünsche nach einem gesellschaftlichen Zusammenleben, wie wir es vielleicht gern hätten. Nicht umsonst loben die wenigen/deutschen/männlichen/bekennenden Bollywood-Fans, die moralischen Werte, die in diesen Filmen vermittelt werden. Andrea Glaubacker schreibt in ihrem Buch “Indien - von Buddha bis Bollywood”, über den Filmhelden in Bollywwod: er glänzt nicht durch ironischen Alleingang und markige Sprüche. “Er trinkt nicht, ehrt die Eltern, seine Tugenden sind Treue, Ehrlichkeit und Selbstlosigkeit.” Das Glück des Helden hängt maßgeblich vom Gefühlsleben seiner Mutter ab. Er stellt seine Männlichkeit durch rasante Motorradfahrten, schwarze Lederhosen und durchschlagende Fähigkeiten im Nahkampf zur Schau. Die extrem familienorientierte, indische Gesellschaft toleriert keine Helden, die sich nicht den Werten der Gemeinschaft verschrieben haben. Bei uns orientiert sich “cool sein” hauptsächlich an amerikanischen Filmbildern: markiges Einzelgängertum in schnellen Autos. Der einsame Coyboy, der dem Sonnenuntergang entgegenreitet. Batman über den Dächern. Deutsche Bollywood Fans scheinen der amerikanischen “Werte” überdrüssig. In einem dicht besiedelten Land wie Indien ist nicht genügend Platz für eine Ellbogen-Gesellschaft. In Deutschland reicht der Platz aus, aber der Wille erlahmt. Die Menschen verkommen in ihrer Isolation. Es mangelt an Nestwärme. Kein anderer steht derzeit stellvertretend für den indischen Filmhelden, wie Indiens erfolgreichster Exportschlager: Sharukh Khan. Herr Khan bringt ein erfrischend neues Bild von Männlichkeit nach Deutschland. Preußische Tugenden und Hitlers Erziehungsmaximen (“jedes Kind ein Kampf”), kann man hier getrost vergessen. Es wird gelacht, es wird geblödelt, es wird viel geweint und es wird geschmachtet. Endlich emotionale Entfaltung statt emotionaler Gleichschaltung. Die Deutschen atmen auf.Bollywood befriedigt viele Bedürfnisse. Das Bedürnis nach religiösem Erlebnis und erlösender Katharsis. (Manche Fans pilgerten 2008 zur Berlinale um ihre Babys von Sharukh Khan küssen und segnen zu lassen.) Das Bedürfnis nach Nestwärme in der Familie, die im Zuge der Emanzipation in Deutschland auf einem schweren Prüfstand steht. Eine seltsame Parallele besteht auch zwischen den Heimatfilmen der Nachkriegszeit und Bollywood: Am 27.04.09 startete eine dreiteilige Dokumentation mit dem Titel “Mein Deutschland” bei der ARD. Christine Kaufmann befragt zu ihrer Rolle als Kinderstar in Heimatfilmen: “Die Menschen wollten damals weinen über das Unglück, das sie selbst verursacht hatten oder das sie mitgeschwemmt hatte - das Unglück des Zweiten Weltkriegs.“ Khan berichtet im Interview “in love with germany” von der Begegnung mit einem weiblichen, deutschen Fan. Was sie an ihm und Bollywood Filmen fände - die Antwort: “you give us reason to cry”. Die deutschen Frauen wollen immer noch weinen? Die deutsche Frau gehört angeblich zu den emanzipiertesten der Welt. Aber sie orientiert sich wenig daran, was sie wirklich wünscht, eher daran, wie Männer agieren, um eine männlich dominierte Welt zu erobern. Schwäche ist bei diesem neuen Frauenmodell nicht vorgesehen. Frauen kopieren von Männern die emotional oft unterentwickelte Lebensweise. Damit ist Weinen nicht mehr angesagt und wird als Zeichen von Schwäche gewertet. Wo doch Weinen oft nötig wäre. Speziell emanzipierte Frauen, die beginnen ihre Liebe zu teilen, zwischen ihrem Mann, ihren Kinder, ihren Eltern und ihrem Beruf, scheinen oft einen oder mehrere Teile ihres Lebens zu verlieren. Oder am Ende doch sich selbst, weil sie den hoch gesteckten Ansprüchen nicht gerecht werden können. In Bollywood-Produktionen ist die Familie noch eine Insel der Seeligen. Zumindest pünktlich zum “happy end”. Auch das Bedürfnis nach Erotik wird in Bollywood bestens versorgt. Die Deutschen haben Erotik völlig verlernt. Man bekommt an Zeitungskiosken und im Internet einfach zu viel zu sehen. Stichwort “oversexed and underfucked”. Mustaqh Shiek schreibt in “Still reading Kahn” über Erotik: es sei der ästhetische Blick auf sexuelles Verlangen. Die ästhetische Verpackung haben die Deutschen verlernt. In Indien, wo nach wie vor strenge gesellschaftliche Tabus bestehen und gnadenlos zensiert wird, ist man auf die Verpackung angewiesen. Sonst werden Filme abgesetzt. Gesang, Tanz, “wet t-shirt parties” und immer nur die Andeutung eines Kusses. Das Sehnen, die sexuelle Spannung bleibt stehts unerfüllt und bewirkt, daß der Betrachter nach mehr giert. Bollywood macht süchtig, indem es uns eine bessere, gefühlsintesivere und erotischere Welt zeigt, als die in der wir alle leben. Khan ist derzeit der Inbegriff von Bollywood, dem indischen Unterhaltungskino. Er versteht sich nicht nur meisterlich auf die Verpackung, er stellt sich auch als Projektionsfläche globaler Wünsche zur Verfügung. Khan verbindet Menschen international. Ein Phänomen. Er wird international als Vorbild in Sachen Menschlichkeit gesehen. Ein so erfolgreicher Mann, der Mensch geblieben ist, erscheint als Wunder. Er agiert klug und zeichnet sich durch enorme Weitsicht und Bescheidenheit aus. In Indien ist seine Laufbahn der Inbegriff des Tellerwäscher- und Millionärs-Märchens. Man gönnt ihm seinen Erfolg und seinen Reichtum, weil die Menschen zu ihm aufsehen können. Khan gibt uns ein neues Bild von Menschlichkeit, das sich mit beruflichem Erfolg paart. Ein modernes Erfolgsmärchen. Fast zu schön um wahr zu sein. Fast zu viel Unschuld in Eden. Und nichts wünschen sich die Deutschen mehr als Unschuld. (Was sich am deutlichsten in der Aufregung um Herrn Khan und die Temptations-Pleite 2008 zeigte.) Unschuld, oder am besten gleich ein neues nationales Bewußtsein. Gibt es denn für einen Deutschen nichts Peinlicheres, als auf Reisen sofort als deutscher Urlauber enttarnt zu werden? “Wir sind Deutschland” - nichts wie weg. Khan gibt der indischen Gesellschaft, die sich derzeit aufmacht, ihren Platz in der Welt einzuforden, ein neues Gesicht. Auch das wünscht sich eine deutsche Generation. Der letzte Mann, der der Welt ein deutsches Gesicht aufdrücken wollte, ist als Massenmörder in die Geschichte eingegangen. In Deutschland ein trauriger Trumpf, der immer sticht. Deutschland sucht immer noch nach einem neuen Selbstverständnis. Menschen brauchen Menschen, zu denen sie aufsehen können, die sie glauben lassen können, daß das “Gute und Edle an sich” existiert. Zum Glück gibt es in Europa noch ein paar Königshäuser... viel geliebt und viel gehaßt. Aber wen haben die Deutschen? Was Identifikations-Figuren angeht, herrscht Vakuum in Deutschland. Khan ist mehr als ein Schauspieler. Er ist vielmehr ein Art Botschafter für eine moralisch integere Lebensart, die er stets durch seinen ruhigen Lebenswandel unterstreicht. Die Botschaft ist in Deutschland angekommen."

